Tunesien
Karte
von Tunesien (Vergrößerung)
Tunesien,
Republik in Nordafrika, grenzt im Norden und Osten an das Mittelmeer,
im Süden an Libyen
und im Westen an Algerien.
Tunesien hat eine Gesamtfläche von 164 418 Quadratkilometern und ist
der östlichste der Maghreb-Staaten
Nordafrikas.
Physische Geographie
Tunesiens
Mittelmeerküste wird durch Meeresarme wie den Golf von Tunis, den Golf von
Hammamet und den Golf von Gabès gegliedert. Im Golf von Gabès liegen die
Inseln Djerba
und Kerkenna. Die Küste hat eine Gesamtlänge von circa 1 150 Kilometern.
Im
Norden durchziehen östliche Ausläufer des Atlasgebirges
das Land. Die höchsten Erhebungen erreichen etwa 1 500 Meter;
zwischen den einzelnen Bergketten breiten sich fruchtbare Täler und Ebenen aus.
Der ganzjährig wasserführende, in Algerien entspringende Medjerda (Wadi
Majardah) durchfließt das Bergland. Er ist mit einer Gesamtlänge von 450 Kilometern
der längste Fluss des Landes und durchzieht Tunesien auf einer Länge von rund
300 Kilometern. Das Wasser des Medjerda bildet die Grundlage für
ausgedehnten Bewässerungsfeldbau. Er ist der einzige größere Fluss des Landes
und mündet in den Golf von Tunis.
Während
das Bergland nach Norden über weite Strecken steil zur Mittelmeerküste abfällt,
geht es nach Süden allmählich in weiträumige Steppenlandschaften über. In
dieser Region gibt es einige Salzseen (Schotts, Chotts). Sie entstanden
in Salztonebenen durch Verdunstung des Wassers der periodisch bis episodisch
auftretenden Fließgewässer. Die mitgeführten Feinsedimente kristallisieren
nach der Verdunstung aus, so dass sich Salzkrusten bilden. Einige der Schotts
liegen unter dem Meeresspiegel. Nach Süden schließt die Sahara
mit den Ausläufern des Großen Östlichen Erg
und dem Kalksteinplateau des Dahar an.
Klima
Im
Norden von Tunesien herrscht mildes, mediterranes Klima mit heißen Sommern und
milden Wintern. Die mittleren Temperaturen liegen im Januar bei etwa 10 °C,
im Juli um 26 °C. Die Jahresniederschläge erreichen an der Küste 700 bis
1 000 Millimeter, der überwiegende Teil davon fällt zwischen Oktober
und Mai. Mit zunehmender Meereshöhe steigen auch die Jahresniederschläge. Im südlich
angrenzenden Gebirge liegen sie bei rund 1 500 Millimetern. In der
tunesischen Wüstenregion ist das Klima trockenheiß. In den meisten Jahren
regnet es weniger als 150 Millimeter, die Höchstwerte der Temperatur
betragen um 45 °C.
Flora und Fauna
Tunesien
besitzt an der Küste eine typisch mediterrane Vegetation. Für die fruchtbaren
Regionen im Norden sind Weinberge, Korkeichen, Kiefern und Wacholderbäume
charakteristisch. Auf den Südhängen der Berge wächst Macchie.
In den südlichen Regionen gedeiht Steppenvegetation; Wildgräser und
verschiedene Sträucher dominieren. Die Oasen der ariden Regionen sind durch den
Anbau von Dattelpalmen gekennzeichnet. Zur Tierwelt gehören Hyänen, Schakale,
Wüstenfüchse, Luchse, Karakals, Wildkatzen, Gazellen, Mufflons und
Wildschweine. Darüber hinaus gibt es eine artenreiche Vogel- und Insektenwelt
sowie Skorpione und Schlangen.
Bevölkerung
Im
Lauf der Geschichte haben sich viele Völker, darunter Römer, Wandalen
(Vandalen), Schwarzafrikaner und Araber, in dem Gebiet des heutigen Tunesien
niedergelassen. Etwa 98 Prozent der Bevölkerung sind Araber und
arabisierte Berber.
Darüber hinaus leben u. a. Franzosen, Italiener und Malteser im Land.
Tunesien
hat etwa 9,65 Millionen Einwohner (2000); daraus ergibt sich eine
durchschnittliche Bevölkerungsdichte von 59 Einwohnern pro
Quadratkilometer. Ungefähr drei Viertel der Bevölkerung leben in der Küstenregion.
Der Urbanisierungsgrad beträgt 64 Prozent (1998). Das mittlere jährliche
Bevölkerungswachstum liegt bei 1,4 Prozent (2000) und beruht vor allem auf
hohen Geburtenraten.
Hauptstadt
und größte Stadt Tunesiens ist die Hafenstadt Tunis
mit 674 100 Einwohnern (1994). Andere große Städte sind Sfax
(230 900 Einwohner), Sousse
(125 000 Einwohner) und Bizerte
(98 900 Einwohner).
Sprache und Religion
Die
Amtssprache ist Arabisch; Französisch findet vor allem als Bildungssprache
Anwendung. Staatsreligion ist der Islam, dem über 95 Prozent der Bevölkerung
angehören; fast alle Muslime sind Sunniten.
Kleine Bevölkerungsgruppen gehören der römisch-katholischen, jüdischen,
griechisch-orthodoxen oder protestantischen Konfession an.
Soziales
Tunesien
zählt zu den wohlhabenderen Ländern des afrikanischen Kontinents. Das
Gesundheitswesen ist gut ausgebaut. Für die Mehrheit der Bevölkerung ist die
medizinische Versorgung kostenfrei. Ein Sozialversicherungssystem besteht seit
1950.
Bildung und Schulwesen
Der
Schulbesuch ist gebührenfrei; es besteht eine allgemeine Schulpflicht von 9 Jahren.
Unterrichtssprachen sind Arabisch und Französisch. Durch systematische Förderung
des Bildungssektors konnte der Alphabetisierungsgrad auf 70,8 Prozent
angehoben werden. 1996-1997 waren an den Hochschuleinrichtungen 121 787 Studenten
eingeschrieben; die meisten von ihnen studieren an den drei Fakultäten der
Universität Tunis.
Kultureinrichtungen
Tunesien
verfügt über drei große Bibliotheken, die sich alle in Tunis befinden. Die
Nationalbibliothek besitzt mehr als 700 000 Bände. Das Musée
National du Bardo, 1888 gegründet, beheimatet Sammlungen punischer,
griechischer, römischer und islamischer
Kunst. Tunis besitzt ein Staatstheater; viele Theateraufführungen finden im
International Cultural Center in Hammamet statt. Das Carthago
Festival, ein internationales Kunstfestival, wird jedes Jahr in der Altstadt
von Karthago veranstaltet.
Medien
In
Tunesien gibt es 8 Tageszeitungen mit einer Gesamtauflage von rund 280 000 Exemplaren
(1996) und mehr als drei Dutzend Zeitschriften. Die Radio- und Fernsehsender
werden von der Regierung geführt.
Verwaltung
und Politik
Nach
der Verfassung von 1959 ist Tunesien eine freie, unabhängige und präsidiale
Republik. Die letzten Verfassungsänderungen erfolgten 1994.
Exekutive
Die
staatliche Exekutivgewalt liegt beim Präsidenten. Er ist Staatsoberhaupt und
Oberbefehlshaber der Streitkräfte; er ernennt die Mitglieder des Kabinetts, dem
der Ministerpräsident vorsteht. Der Staatspräsident wird für fünf Jahre vom
Volk gewählt. 1975 aber ernannte die Nationalversammlung Habib
Bourguiba zum Präsidenten auf Lebenszeit. Bourguiba blieb bis zu seiner
Absetzung im November 1987 im Amt. Zine
el-Abidine Ben Ali wurde Bourguibas Nachfolger im Amt des Staatsoberhauptes.
Die Amtszeit des Präsidenten wurde nach dem Tod Bourguibas auf maximal 15 Jahre
eingeschränkt.
Legislative
Gesetzgebendes
Organ ist die Nationalversammlung, ein Einkammerparlament mit 163 Abgordneten;
19 Sitze sind für Mitglieder von Oppositionsparteien reserviert. Die
Abgeordneten werden für fünf Jahre vom Volk gewählt.
Judikative
Religiöse
Gerichte wurden abgeschafft; ihre Funktion wird heute von Zivilgerichten übernommen.
Der Kassationshof in Tunis hat eine strafrechtliche und drei zivile Kammern. Ihm
sind drei Berufungsgerichte in Tunis, Sousse und Sfax untergeordnet, die in der
Hierarchie über dreizehn Gerichten erster Instanz stehen. Die niedrigste
Instanz bilden die Amtsgerichte der lokalen Bezirke.
Kommunalverwaltung
Tunesien
ist in 18 Gouvernements gegliedert. Jedem Gouvernement steht ein Gouverneur
vor, der vom Staatspräsidenten ernannt wird.
Politik
Stärkste
Partei ist der linksliberale Rassemblement Constitutionnel Démocratique
(RCD), der aus der ehemaligen Parti Socialiste Destourien (PSD,
Destur-Partei) hervorging. Die Partei dominiert alle Bereiche des politischen,
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens in Tunesien. Die wichtigsten
Oppositionsparteien sind der Mouvement des Démocrates Socialistes (MDS,
Bewegung der Sozialistischen Demokraten), der Mouvement de la Rénovation
(MR; ehemals Kommunistische Partei), die Union Démocratique Unioniste (UDU)
und der Parti de l'Unité Populaire (PUP).
Verteidigung
Tunesiens
Heer gehören 27 000 Soldaten an; die Marine umfasst 4 500 und
die Luftwaffe 3 500 Soldaten (1998)
Wirtschaft
Die
wirtschaftlichen Schwerpunkte Tunesiens liegen in der Landwirtschaft und im
Bergbau. Aber auch der Fremdenverkehr entwickelte sich während der vergangenen
Jahrzehnte zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig.
21 Prozent
der erwerbstätigen Bevölkerung arbeiten in den Bereichen Landwirtschaft und
Fischerei, 34 Prozent in der Industrie und 42 Prozent im
Dienstleistungssektor. Die hohe Arbeitslosigkeit bereitet dem Land große
Probleme. Der wichtigste Gewerkschaftsverband, die Union Générale
Tunisienne du Travail, hat ungefähr 175 000 Mitglieder, die in 23 Gewerkschaftsgruppen
organisiert sind. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt 19 956 Millionen
US-Dollar (1998; Dienstleistungen 59,1 Prozent, Industrie 28,4 Prozent,
Landwirtschaft 12,4 Prozent); daraus ergibt sich ein BIP pro Einwohner von
2 140 US-Dollar.
Landwirtschaft
Der
Ertrag des Agrarsektors unterliegt in Tunesien jährlichen Schwankungen; häufige
Dürreperioden und Wassermangel stellen die Hauptprobleme dar. Die wichtigsten
Anbauprodukte in den fruchtbaren Ebenen der nördlichen Landesteile sind Weizen,
Gerste, Tomaten, Gemüse, Melonen und Weintrauben. Am Kap Bon, an der nordöstlichen
Spitze Tunesiens, werden Orangen angebaut. In den zentralen Regionen werden vor
allem Oliven und in den Oasen der Sahara Datteln kultiviert. Ungefähr die Hälfte
der landwirtschaftlichen Nutzfläche wird als Weideland für Schafe und Ziegen
genutzt.
Forstwirtschaft und Fischerei
Die
ehemals reichen Bestände an Kork- und Steineichen sowie Kiefern sind durch
jahrzehntelangen Raubbau stark zurückgegangen, so dass die wirtschaftliche
Nutzung der Wälder nur gering ist. Die Fischindustrie an der tunesischen Küste
befindet sich im Aufschwung. Die ertragreichsten Fanggründe liegen im Golf von
Gabès. Gefangen werden vor allem Sardinen, Thunfische und Garnelen. Die
Gesamtfangmenge lag 1997 bei 89 027 Tonnen.
Bergbau
Tunesien
verfügt zwar nicht über vergleichbare Erdölvorkommen wie seine Nachbarn
Libyen und Algerien, umfasst aber trotzdem einige bedeutende Lagerstätten. Erdöl
ist der wichtigste mineralische Rohstoff Tunesiens. Die Vorkommen befinden sich
sowohl im Offshorebereich als auch auf dem Festland, insbesondere in den südlichen
Landesteilen. Das Land ist einer der weltweit bedeutendsten Exporteure von
Phosphat. Ferner werden Erdgas, Salz, Eisen-, Blei- und Zinkerz gewonnen.
Industrie
Die
tunesische Regierung hat während der vergangenen Jahrzehnte die Entwicklung von
exportorientierten Produktionszweigen vorangetrieben. Zu den wichtigsten
Betrieben zählen die Zuckerraffinerie in Bajah, die Erdölraffinerie in Bizerte,
das Stahlwerk in Menzel Bourguiba und verschiedene Fabriken zur
Phosphatverarbeitung und Zementherstellung. Andere Erzeugnisse der
verarbeitenden Industrie sind Schwefelsäure, Textilien, Holzprodukte sowie
Nahrungsmittel und Fischprodukte.
Währung und Bankwesen
Die
Währung des Landes ist der Tunesische Dinar zu 1 000 Millimes. Sie
wird von der 1958 gegründeten Zentralbank ausgegeben.
Außenhandel
Tunesiens
Außenhandelsbilanz weist in den meisten Jahren ein Defizit aus. Hauptexportgüter
sind Erdöl, Bekleidung, Viehfutter, Olivenöl und Phosphate. Ferner werden
Wein, Zitrusfrüchte, Eisen, Stahl und Blei ausgeführt. Die wichtigsten
Importprodukte sind Maschinen, Erdölprodukte, Elektrogeräte und
Nahrungsmittel. Tunesiens wichtigste Handelspartner sind Frankreich, Italien,
Deutschland, Spanien, Belgien, Algerien und die USA.
Verkehrswesen
Tunesien
hat ein rund 23 100 Kilometer langes Straßennetz, das die
verschiedenen Handelszentren miteinander verbindet; etwa 79 Prozent davon
sind asphaltiert. Das Land verfügt über ein rund 3 640 Kilometer
langes Eisenbahnnetz. Wichtige Hafenstädte sind Tunis, Bizerte, Sousse und Sfax.
Der Hafen bei Skhirra ist der größte Umschlagplatz für Erdöl. Bei Gabès
wird ein moderner Hafen gebaut. Tunesien hat fünf internationale Flughäfen,
zwei davon befinden sich in der Nähe von Tunis.
Tourismus
Der
Tourismus ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Ein Großteil der Devisen fließt
über den Fremdenverkehr in das Land. Regierungsprogramme führten zur
Verbesserung der touristischen Infrastruktur. Tunesien ist ein beliebtes
Urlaubsziel; das Land verzeichnet im Jahr etwa 4,72 Millionen Gäste aus
dem Ausland. Hauptanziehungspunkte sind Tunesiens Strände und die archäologischen
Stätten wie z. B. die Altstadt Karthagos
Energie
99,50 Prozent
des elektrischen Stroms werden in Wärmekraftwerken produziert.
Geschichte
Das
heutige Tunesien war in historischer Zeit Teil des Reiches von Karthago.
Phönizische
Händler gründeten die Stadt Karthago 814 v. Chr. nordöstlich des
heutigen Tunis. In den folgenden Jahrhunderten wurde Karthago das Zentrum eines
mächtigen Reiches, das den größten Teil Nordafrikas, den Süden der Iberischen
Halbinsel, Sardinien
und Teile Siziliens
beherrschte. Zur ersten Auseinandersetzung zwischen Karthago und dem
expandierenden Römischen Reich kam es 264 v. Chr. Es folgte eine Serie von
blutigen Kämpfen (siehe Punische
Kriege). Im letzten, dem 3. Punischen Krieg (149-146 v. Chr.),
besiegten die Römer die Karthager und zerstörten ihre Hauptstadt. Vom 2. Jahrhundert
v. Chr. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr. gehörte der größte Teil
des heutigen Tunesien zur römischen Provinz Africa.
Im
5. Jahrhundert zog der germanische Stamm der Wandalen nach Süden. Sie
entrissen den Römern die Herrschaft über die Provinz Africa. Die
Wandalen behielten ein Jahrhundert (430-534) die Herrschaft. Unter der Führung
des byzantinischen Generals Belisar
(Belisarios) eroberte Rom erneut das Land.
Die Herrschaft der Araber,
Spanier und Türken
Im
7. Jahrhundert fielen Araber in das Gebiet ein. Die arabischen Eroberer
herrschten vom späten 7. bis zum frühen 16. Jahrhundert. Sie ersetzten
die römisch-christliche Kultur durch eine am Islam orientierte Lebensweise. In
dieser Zeit unterstand Tunesien verschiedenen arabischen Herrscherfamilien, dazu
zählten die Dynastien der Aghlabiten (800-909), der Fatimiden (909-973) und der
Zeiriden (10. Jahrhundert). In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts
besetzten die Normannen unter der Führung des sizilianischen Herrschers Roger II.
wichtige Gebiete an der Küste. Die Araber gewannen das Gebiet zurück, und die
arabischen Dynastien der Almohaden
(12. Jahrhundert) und der Hafsiden (1228-1574) übernahmen die Herrschaft.
Die
Ära der arabischen Oberherrschaft endete im frühen 15. Jahrhundert. Ab
1535 regierten die Spanier das Land. 1574 wurden die Spanier von den Truppen des
Osmanischen
Reiches besiegt, und das Land kam unter osmanische Herrschaft. Unter der türkischen
Oberhoheit erlebte Tunesien von 1574 bis 1881 eine Phase der Stabilität. Als
Vertreter des Sultans regierte ein eingesetzter Pascha. Der erste Bei, Al-Husayn
Ibn Ali, regierte von 1705 bis 1740 und begründete die Dynastie der Husainiden.
Unter deren Herrschaft gewann Tunesien ein begrenztes Maß an Autonomie und kam
zu bedeutendem Reichtum.
Das Ende der Seeräuberei
Zwischen
1801 und 1815 wurde Seeräubern Einhalt geboten, die Tunis und andere Stützpunkte
an der Küste Nordafrikas angegriffen hatten. Der Verlust der Einnahmen aus der
Seeräuberei stürzte die tunesische Regierung in große Schulden. Die
finanzielle Krise wurde noch durch die Verschwendungssucht der Beis verschärft.
Tunesiens Hauptkreditgeber waren Frankreich, Italien und Großbritannien. 1830
eroberte Frankreich Algerien. Auf dem Berliner Kongress 1878 zeigte sich
Frankreich bereit, alle Ansprüche auf die Mittelmeerinsel Zypern aufzugeben;
die Franzosen machten zur Bedingung, dass Großbritannien auf Tunesien
verzichten sollte. Französische Truppen rückten 1881 in Tunesien ein. In einer
Reihe von heftigen Auseinandersetzungen brachen die Franzosen den tunesischen
Widerstand. Am 12. Mai 1881 unterzeichnete der regierende Bei den
Bardo-Vertrag, durch den das Land unter das Protektorat Frankreichs gestellt
wurde. Die beiden Länder unterzeichneten 1883 die Zusatzkonvention von La Marsa.
Das französische Protektorat
Die
Herrschaft der Franzosen in Tunesien brachte viele wichtige gesellschaftliche
und politische Veränderungen mit sich. Nach 1884 regierte ein französischer
Generalbevollmächtigter das Land. Eine große Anzahl französischer Siedler kam
nach Tunesien, besetzte Verwaltungsposten und übernahm die Führung
verschiedener Unternehmen. Diese Siedler trugen viel zur Angleichung Tunesiens
an den Westen bei.
Anfang
des 20. Jahrhunderts bedingte die weite Verbreitung demokratischer Ideale
die Bildung einzelner Unabhängigkeitsbewegungen (Jungtunesier). Der französischen
Regierung gelang es in den ersten Jahrzehnten, die aufkommenden
nationalistischen Bewegungen zu unterdrücken. 1920 schlossen sich jedoch
einzelne nationalistische Gruppierungen zusammen und formierten sich zur
Destur-Partei (Verfassungspartei), die für umfangreiche demokratische Reformen
eintrat. Die Destur-Bewegung löste sich 1925 auf, formierte sich während der
Wirtschaftskrise in den dreißiger Jahren aber erneut. 1934 wurde die
Neo-Destur-Partei (Neue Verfassungspartei) von dem patriotischen Politiker Habib
Bourguiba gegründet. Im Gegensatz zu der liberalen Destur-Partei suchte die
radikalere Neo-Destur-Partei auch Anhänger im Ausland; sie wurde von extrem
linken oder nationalistischen Gruppierungen in Frankreich, Marokko und Algerien
unterstützt. Die Regierung veranlasste 1938 die Auflösung der
Neo-Destur-Partei.
Die
französische Regierung in Tunesien arbeitete während des 2. Weltkrieges
eng mit der Vichy-Regierung zusammen. Tunesien war für die Operationen des
Militärs strategisch wichtig. Nach der Niederlage der deutsch-italienischen
Afrika-Armee unterstellten die Alliierten Tunesien am 15. Mai 1943 der
Oberhoheit des Nationalkomitees
der Freien Franzosen. Die französische Obrigkeit ließ sofort Hunderte von
mutmaßlichen Sympathisanten des Faschismus festnehmen. Der regierende Bei wurde
unter der Anklage der Kollaboration abgesetzt. Diese Maßnahmen riefen unter der
tunesischen Bevölkerung großen Unmut hervor.
1945
zwang Frankreich Bourguiba zur Flucht nach Kairo. Im folgenden Jahr garantierte
Frankreich Tunesien den Status eines halbautonomen Staates der Französischen
Union. Im August 1947 machte Tunesien einen weiteren Schritt in Richtung
Autonomie: Der französische Generalbevollmächtigte bildete ein Kabinett, das
sich überwiegend aus Tunesiern zusammensetzte. Im September 1949 kehrte
Bourguiba aus dem Exil zurück. Frankreich besetzte 1951, als Reaktion auf den
Unmut der Tunesier gegen die Fremdbestimmung, eine größere Anzahl an Ministerämtern
und Staatsposten mit Tunesiern. Es kam immer wieder zu Unruhen und politischen
Demonstrationen, und die Position der Franzosen in Tunesien wurde zunehmend
schwieriger.
Der Widerstand Tunesiens gegen
die Herrschaft der Franzosen
Im
Juli 1954 verschärfte sich die Lage. Es kam vermehrt zu blutigen Aufständen.
Am 31. Juli kam der französische Premierminister Pierre Mendès-France
nach Tunesien. Er versprach, dem Protektorat vollständige internationale
Autonomie zu gewähren. Es folgten langwierige Verhandlungen. Am 3. Juni
1955 unterzeichneten der tunesische Ministerpräsident Tahar ben Ammar und der
französische Premierminister Edgar Faure verschiedene Abkommen und
Vereinbarungen, die den Umfang der Selbstbestimmung Tunesiens erweiterten.
Frankreich behielt sich die Entscheidungsgewalt in außen- und
verteidigungspolitischen Fragen vor.
Am
17. September nahm eine rein tunesische Regierung die Arbeit auf. Viele
Nationalisten äußerten ihre Unzufriedenheit und drängten auf eine größere
Unabhängigkeit von Frankreich. Frankreich machte mit der Vereinbarung, die in
Paris am 20. März 1956 unterzeichnet wurde, weitere Zugeständnisse. Mit
dem Abkommen wurde der Bardo-Vertrag von 1881 außer Kraft gesetzt und Tunesien
als unabhängige konstitutionelle Monarchie unter der Führung des Bei von Tunis
anerkannt.
Aus
den ersten nationalen Parlamentswahlen der tunesischen Geschichte, die am 25. März
stattfanden, ging die Neo-Destur-Partei mit einer großen Mehrheit hervor. Am 8. April
wurde Bourguiba von der Nationalversammlung Tunesiens zum Staatspräsidenten gewählt;
am 11. April erfolgte seine Ernennung zum Ministerpräsidenten. Die
Nationalversammlung nahm eine Verfassung an, nach der der tunesischen Bevölkerung
die legislative Gewalt übertragen wurde. Am 12. November 1956 trat
Tunesien der UN bei.
Die
Neo-Destur-Partei demonstrierte bei regionalen Wahlen am 5. Mai 1957 ihre
Stärke. Die Partei gewann knapp 90 Prozent der Stimmen; Frauen waren dabei
erstmals stimmberechtigt.
Die Republik
Am
25. Juli 1957 setzte die Nationalversammlung den amtierenden Bei ab. Sie
rief die Republik Tunesien aus, wählte Bourguiba zum Staatspräsidenten und
vollendete so den Übergang von der Monarchie zur Republik. Im darauf folgenden
Monat wurden viele Franzosen aus dem Staatsdienst entlassen. Dies hatte zur
Folge, dass ungefähr ein Drittel der im Land lebenden Franzosen aus Tunesien flüchtete,
da sie diskriminierende Maßnahmen gegen die französische Bevölkerung fürchteten.
Tunesien verlor damit ein bedeutendes Potential an hoch qualifizierten Arbeitskräften.
Die
Beziehungen zu Frankreich verschlechterten sich im Spätsommer und Herbst 1957.
Französische Truppen betraten bei der Verfolgung algerischer Rebellen
tunesisches Territorium, und es kam zu feindlichen Zusammenstößen zwischen
französischen und tunesischen Truppen entlang der Grenzlinie.
1958
verschärfte sich die Krise weiter. Am 8. Februar flogen französische
Militärflugzeuge über die algerische Grenze und bombardierten das tunesische
Dorf Sakiet-Sidi-Youssef (das heutige Saqiyat Sidi Yusuf); dabei kamen 68 Tunesier
ums Leben, 100 wurden verletzt.
Tunesien
wurde am 1. Oktober 1958 Mitgliedsstaat der Arabischen Liga. Am 15. Oktober
brach Tunesien seine diplomatischen Beziehungen zu Ägypten (neben Syrien der
einzige Mitgliedsstaat der damaligen Vereinigten Arabischen Republik) ab. Im
November trat Tunesien aus der Arabischen Liga aus.
Frankreich
und Tunesien unterzeichneten am 15. April 1959 ein Abkommen, das die
Unterstützung Frankreichs durch den Transfer technologischen Know-hows für die
Zukunft sicherte. Am 1. Juni 1959 trat eine neue Verfassung in Kraft. Am 8. November
fanden die ersten Wahlen unter der neuen Verfassung statt. Bourguiba wurde ohne
Gegenkandidat wieder gewählt, und die Neo-Destur-Partei gewann alle Sitze in
der Nationalversammlung.
Nachdem
Frankreich die Forderung Tunesiens nach der sofortigen Evakuierung des Marinestützpunktes
bei Bizerte nicht erfüllen wollte, begannen tunesische Truppen am 19. Juli
1961, den Stützpunkt zu belagern. In den nächsten beiden Tagen durchbrachen
französische Streitkräfte die Blockade und kesselten die ganze Stadt ein.
Dabei kamen 1 300 Tunesier ums Leben. Beide Seiten akzeptierten eine
Resolution des UN-Sicherheitsrates vom 22. Juli, die einen Waffenstillstand
forderte. Die Generalversammlung der UN forderte Frankreich am 25. August
auf, Bizerte ganz zu verlassen. Nach längeren Gesprächen zwischen Frankreich
und Tunesien, die 1962 aufgenommen wurden, zog Frankreich im Oktober 1963 seine
Truppen vollständig ab.
Tunesien festigt seine
Bindungen zum arabischen Lager
1963
und 1964 beabsichtigte Tunesien eine engere wirtschaftliche und politische
Zusammenarbeit mit anderen Staaten Nordafrikas. Der Grenzkonflikt mit Algerien
war beigelegt, und es wurden Pläne für eine Kooperation im Technologiebereich
entwickelt. Auch die Beziehungen zu Marokko verbesserten sich. In den Jahren
1965 bis 1966 unterstützte Tunesien die Bildung des Maghreb Permanent
Consultative Committee, das sich für eine bessere regionale Kooperation in
Nordafrika einsetzte.
In
der Zwischenzeit hatte Tunesien auch auf engere Kontakte zum arabischen Osten,
insbesondere mit Ägypten, hingearbeitet. Im Mai 1964 beschloss die
Nationalversammlung die Enteignung aller ausländischen Grundbesitzer. Davon
waren vor allem viele französische Familien betroffen, die in Tunesien
insgesamt 300 000 Hektar Land besaßen. Frankreich strich die
finanzielle Unterstützung Tunesiens und stürzte das Land in eine schwere
Wirtschaftskrise.
Bei
den Wahlen vom November 1964 war der tunesische Sozialismus das zentrale Thema;
die Neo-Destur-Partei benannte sich in Parti Socialiste Destourien um. Präsident
Bourguiba erhielt ohne Gegenkandidat 96 Prozent der Stimmen; die
Destur-Partei gewann alle 90 Sitze in der Nationalversammlung. Im April
1965 verschlechterten sich die Beziehungen zum arabischen Lager, als Bourguiba
die Aushandlung eines Übereinkommens zwischen den arabischen Staaten und Israel
auf der Grundlage der UN-Resolution von 1947 vorschlug. Sowohl Israel als auch
die meisten arabischen Staaten, angeführt von Ägypten, lehnten dies ab. Die
Differenzen zwischen Tunesien und anderen arabischen Staaten nahmen weiter zu,
als die Beziehungen zu Ägypten abgebrochen wurden und Tunesien die Zusammenkünfte
der Arabischen Liga zu boykottieren begann.
1966
gelang eine Annäherung mit Saudi-Arabien, die Beziehungen zu Ägypten
verschlechterten sich jedoch weiter. Im Jemenitischen Krieg stellte sich
Saudi-Arabien an die Seite Tunesiens.
Als
sich der arabisch-israelische Konflikt im April und Mai 1967 verschärfte, nahm
Tunesien eine proarabische Haltung ein, und die diplomatischen Beziehungen mit
Ägypten wurden wieder aufgenommen.
Bourguiba
wurde im November 1969 für eine dritte Amtsperiode wieder gewählt. Im Dezember
stimmte die Nationalversammlung einer Verfassungsänderung zu, die die Ernennung
eines Ministerpräsidenten durch den Staatspräsidenten verlangte und festlegte,
dass der Ministerpräsident im Fall des Todes oder der Regierungsunfähigkeit
des Staatspräsidenten dessen Amt übernimmt. Diese Verfassungsänderung sollte
den von Bourguiba eingeschlagenen liberalen innen- und außenpolitischen Kurs
unterstützen. Im März 1975 wurde er „in Anerkennung der geleisteten
Dienste” zum Präsidenten auf Lebenszeit ernannt.
In
den frühen siebziger Jahren schritt die wirtschaftliche Entwicklung, vor allem
die Förderung der Erdölvorkommen, voran. Die Beziehungen zu Frankreich und
China verbesserten sich; Bourguiba äußerte aber sein Misstrauen gegenüber den
Vorhaben der USA und der Sowjetunion im Mittleren Osten.
1982
gewährte Tunesien dem Führer der Palästinensischen
Befreiungsorganisation, Jasir
Arafat, sowie einigen Hunderten seiner Anhänger, die den Libanon
verlassen mussten, Asyl. Die inneren Unruhen von 1984 zwangen Bourguiba, die
Preiserhöhungen im Bereich der Grundnahrungsmittel zurückzunehmen. Die
Beziehungen zu Libyen verschlechterten sich 1985, nachdem Libyen etwa 30 000
tunesische Arbeiter entlassen hatte. In jenem Jahr wurden die Hauptquartiere der
PLO in der Nähe von Tunis durch einen israelischen Luftangriff zerstört.
Tunesien unter Zine el-Abidine
Ben Ali
Im
November 1987 setzte Ministerpräsident Zine
el-Abidine Ben Ali Präsident Habib Bourguiba ab und übernahm selber das
Amt des Staatspräsidenten. Er ließ politische Gefangene frei, legalisierte die
meisten Oppositionsparteien und lockerte Bestimmungen, die die Pressefreiheit
einschränkten. Obwohl mehrere Parteien für die Wahlen vom April 1989
kandidierten (Tunesiens erste freie Wahlen seit 1956), gewann seine Partei, Rassemblement
Constitutionnel Démocratique, alle der damals 141 Sitze im Parlament,
und Ben Ali wurde ohne Gegenkandidat zum Präsidenten gewählt. Anfang und Mitte
der neunziger Jahre ging er scharf gegen muslimische Fundamentalisten vor.
Gezielte soziale und politische Reformen wurden mit dem Ziel durchgeführt, den
Zulauf zu fundamentalistischen Gruppierungen einzudämmen. Bei den
Parlamentswahlen vom März 1994 behauptete sich die einzige im vorherigen
Parlament vertretene Partei als mit Abstand stärkste Partei.
Im
Oktober 1999 wurde Ben Ali im Amt des Staatspräsidenten bestätigt. Zum neuen
Ministerpräsidenten ernannte er Mohammed Ghannouchi aus den Reihen des Rassemblement
Constitutionnel Démocratique (RCD). Die Regierungspartei behauptete bei den
gleichzeitig stattfindenden Parlamentswahlen ihre Mehrheit deutlich
"Tunesien," Microsoft® Encarta® Online-Enzyklopädie 2001
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