Bulgarien
Bulgarien,
amtlich Republik Bulgarien, Staat im Südosten Europas, Teil der östlichen Balkanhalbinsel.
Bulgarien grenzt im Norden an Rumänien,
im Osten an das Schwarze
Meer, im Süden an die Türkei
und Griechenland
und im Westen an Serbien
(Teil der Föderation von Serbien und Montenegro) und die Ehemalige
Jugoslawische Republik Makedonien. Hauptstadt des Landes ist Sofia.
Bulgarien hat eine Gesamtfläche von 110 994 Quadratkilometern.
Land
Die
Nord-Süd-Ausdehnung beträgt rund 300 Kilometer, von Westen nach Osten
erstreckt sich das Land über circa 500 Kilometer.
Physische
Geographie
Bulgarien
lässt sich von Norden nach Süden in verschiedene, jeweils von Westen nach
Osten verlaufende Naturräume gliedern. Entlang der Nordgrenze Bulgariens
erstreckt sich die breite Donauniederung. Nach Süden schließt zunächst das
Donauhügelland an; es ist zwischen 100 und 400 Meter hoch und fällt
relativ steil zur Donau hin ab. Ihm folgen die als Vorbalkan bezeichneten
Vorberge des Balkan, die bereits Höhen bis zu 1 500 Metern erreichen,
sowie der Balkan.
Er durchzieht Bulgarien auf der gesamten Länge und bildet das geographische Rückgrat
des Landes. Sein höchster Berg, der Botev,
ist 2 376 Meter hoch. Der Balkan bildet die Wasserscheide zwischen
Schwarzem Meer und Ägäischem
Meer. An die südlichen Ausläufer grenzen die Gebirgszüge Srednagora und Sârnenagora.
Es folgt die Thrakische Niederung, die sich nach Osten zum Schwarzen Meer hin
erweitert; in ihr wechseln Beckenlandschaften, wie etwa die Niederung der Marica,
mit Hügelland ab. Im Süden des Landes erhebt sich die Thrakische Masse, die in
mehrere Gebirge gegliedert ist. Zu ihr gehören die nahe der Südgrenze des
Landes gelegenen Rhodopen,
sowie als deren westliche Ausläufer das Piringebirge (im Vihren
bis 2 915 Meter hoch) und das Rilagebirge. Der Musala
ist mit 2 925 Metern der höchste Berg des Rilagebirges und der
gesamten Balkanhalbinsel. Mehrere kleinere Gebirge erstrecken sich entlang der
westlichen Grenze des Landes.
Flüsse
und Seen
Das
wichtigste Flusssystem Bulgariens ist das der Donau (bulgarischer Anteil etwa
520 Kilometer) mit ihren Nebenflüssen Iskâr (etwa 368 Kilometer
lang) und Jantra (etwa 290 Kilometer lang). Weitere bedeutende Flüsse sind
die Kamija
(etwa 180 Kilometer lang), die in das Schwarze Meer mündet, sowie die
Marica (bulgarischer Anteil etwa 320 Kilometer), die Struma und die Mesta,
die in das Ägäische Meer fließen. Da die Industriezentren ihre Chemieabfälle,
Schwermetalle, Nitrate, Ölrückstände und Abwässer ungeklärt in Gewässer
einleiten, sind praktisch alle großen Flüsse in ihrem mittleren oder unteren
Lauf verschmutzt. Aufbereitungsanlagen für Industrie- oder Haushaltsabwässer
sind unzureichend oder nicht vorhanden.
Klima
In
den nördlichen Gebieten von Bulgarien herrscht überwiegend kontinentales Klima
mit hohen Temperaturschwankungen im Jahresverlauf. Kalte Winter wechseln mit heißen,
trockenen Sommern. Dürre, Frost, Wind und Hagel zerstören häufig einen Teil
der Ernte. Mildernde Einflüsse durch Luftmassen aus dem Mittelmeerraum werden
durch die südbulgarischen Gebirge abgehalten. Die Beckenlandschaften der südlichen
Landesteile sind mit trockenen Sommern und feuchten Wintern vorwiegend
mediterran geprägt. Der Balkan schützt den Süden des Landes wirksam vor
Kaltlufteinbrüchen aus Nordosten.
Die
mittleren Jahrestemperaturen liegen zwischen 9,5 und 13,5 °C, schwanken
jedoch stark in Abhängigkeit von der Höhenlage und der Exposition. Der
mittlere Jahresniederschlag liegt landesweit bei etwa 635 Millimetern. Während
in den höheren Lagen der Gebirge 1 000 Millimeter überschritten
werden können, fallen in den geschützten Becken häufig nur 400 Millimeter.
Flora und
Fauna
Etwa
ein Drittel Bulgariens ist bewaldet, wobei Eichen und Buchen in den tieferen
Lagen, Kiefern, Fichten und Tannen in den höheren Lagen dominieren. Nadelbäume
stellen circa 30 Prozent der Nutzholzbestände. Nachdem zwischen dem 15.
und 19. Jahrhundert weite Gebiete abgeholzt wurden, ist man heute darum bemüht,
die Verluste durch umfangreiche Aufforstungen auszugleichen. Die durch
Kraftfahrzeug- und Industrieabgase verursachte Luftverschmutzung ist zum Großteil
für den sauren Regen verantwortlich, der bereits weite Teile des Baumbestandes
Bulgariens geschädigt hat. Dem Klima entsprechend gedeihen in den südlichen
Teilen des Landes auch mediterrane Pflanzen wie Arten der Macchie.
In
den Waldgebieten finden vereinzelt noch die Großraubtiere Braunbär, Wolf und
Goldschakal geeigneten Lebensraum, weitere bemerkenswerte Raubtiere sind
Wildkatze und Tigeriltis. Die Paarhuferfauna bilden Reh, Rothirsch, Damhirsch, Gämse,
Wildschwein und (das ausgesetzte) Wisent.
Zur Avifauna (Vogelwelt) gehören Geier, Adler (u. a. Kaiser-, Stein- und
Schlangenadler), Reiher (u. a. Purpurreiher und Seidenreiher), Weiß- und
Schwarzstorch, Sichler, Bienenfresser, Blauracke und Wiedehopf. Die
Reptilienfauna bilden Geckos, Skinke
(Glattechsen), Eidechsen, Schleichen, Schlangen (Nattern, Vipern) und Schildkröten.
Bevölkerung
Bulgarien
hat etwa 8,16 Millionen Einwohner (2000). Die Bevölkerungsdichte liegt bei
rund 73 Einwohnern pro Quadratkilometer. Die Wachstumsrate der Bevölkerung
nahm in den vergangenen Jahren immer stärker ab und betrug 2000 -0,44 Prozent.
Die Lebenserwartung liegt für Männer bei 69 Jahren und für Frauen bei
76,3 Jahren (2000). Etwa 85 Prozent der Bevölkerung sind Bulgaren und
rund 10 Prozent Türken. Außerdem leben u. a. Rumänen, Armenier, Roma,
Makedonier und Griechen im Land. Im Piringebirge stellen Makedonier die stärkste
ethnische Gruppe, während die Türken vor allem in den östlichen Rhodopen
leben.
Wichtige
Städte
Etwa
70 Prozent der Bevölkerung leben in Städten. Die Hauptstadt Sofia hat
etwa 1,14 Millionen Einwohner. Weitere wichtige Städte sind Plovdiv
(344 326 Einwohner), ein Zentrum der Leichtindustrie, und Varna
(301 421 Einwohner), der wichtigste Seehafen des Landes.
Sprache
und Religion
Die
Amtssprache
ist Bulgarisch,
die zum südlichen Zweig der slawischen
Sprachen gehört und von über 90 Prozent der Bevölkerung gesprochen
wird. Von den Sprachen der Minderheiten ist Türkisch
am weitesten verbreitet. Etwa die Hälfte der türkischen Landesbewohner spricht
Türkisch als Muttersprache, die meisten beherrschen jedoch auch Bulgarisch. Früher
wurde Russisch
an den Schulen unterrichtet, so dass es noch von vielen Bulgaren gesprochen
wird. Heute ist aber Englisch
die wichtigste Fremdsprache,
gefolgt von Deutsch
und Französisch.
Zur
Zeit der mehr als 40 Jahre andauernden kommunistischen Herrschaft wurden
praktizierende Gläubige diskriminiert, und die Regierung förderte den
Atheismus. Die Regierungsreformen Ende der achtziger Jahre führten zu einer
Lockerung der Kirchenpolitik; mittlerweile bekennt sich die Mehrheit der Bevölkerung
zur orthodoxen Kirche. Als Minderheiten sind Muslime
(etwa 15 Prozent), Katholiken,
Protestanten
und Juden
vertreten.
Feiertage
Gesetzliche
Feiertage sind Neujahr (1. Januar), der Nationalfeiertag für Frieden und
Unabhängigkeit (3. März), der Tag der Arbeit (1. Mai), der Tag der
bulgarischen Kultur und Wissenschaft (24. Mai) sowie Weihnachten (25. Dezember).
Am 24. Mai feiern die Bulgaren nicht nur die wissenschaftlichen und
kulturellen Leistungen ihres Landes, sondern ehren auch die beiden Heiligen Kyrillos
und Methodius für die Entwicklung des kyrillischen Alphabets. Traditionell
wird am Weihnachtsabend Obst und Gemüse statt Fleisch gegessen. Dadurch soll für
die Ernte gedankt und um eine gute Ernte im folgenden Jahr gebeten werden.
Soziales
Das
Gesundheitswesen Bulgariens ist gut ausgebaut; die Versorgung mit ärztlichem
Personal und Medikamenten zufriedenstellend. Die medizinische Versorgung ist
kostenlos; von staatlicher Seite wird Ärzten erlaubt, teilweise auch private
Sprechstunden abzuhalten. 1958 wurde ein System für Altersversorgung, Erholung
und Sozialhilfe eingerichtet. Dieses wird durch Beiträge der Arbeitgeber und
Zuschüsse aus dem Staatsbudget finanziert. Die Arbeitslosenquote liegt bei 13,7 Prozent
(1997). 282 Einwohner kommen auf einen Arzt (1996). Die
Kindersterblichkeitsrate beträgt 1,9 Prozent.
Bildung
und Kultur
Im
Mittelalter (besonders im 10. und 11. Jahrhundert) war Bulgarien das
Zentrum der slawischen Kultur. Im Lauf der Jahrhunderte wurde sie von der
byzantinischen, griechischen, russischen und westlichen Kultur beeinflusst. Die bulgarische
Literatur spielt im kulturellen Leben des Landes eine bedeutende Rolle.
Der
Schulbesuch in Bulgarien ist gebührenfrei. Während der Besuch des
Kindergartens freiwillig ist, besteht allgemeine Schulpflicht
von 8 Jahren (1998), wobei sich die Schullaufbahn in Anfangsstufe (erste
bis dritte Klasse), Mittelstufe (vierte bis achte Klasse) und Oberstufe (neunte
bis zwölfte Klasse; Ziel: Abitur)
untergliedert. Seit 1983 schließt sich zudem eine siebenmonatige Stufe sowie
eine dreimonatige berufliche Orientierungsstufe an. Zu den drei Mittelschultypen
gehören die Allgemeinbildende Mittelschule (Gymnasium), die Fachmittelschule
(Technikum) und die Berufsschule.
Bulgarien hat über 30 Hoch- bzw. Oberschulen, darunter die 1888 gegründete
Universität Sofia, die Universität Weliko Tarnowo (gegründet 1971) und die
Universität Plowdiw (gegründet 1972) sowie verschiedene berufsspezifische
Institute, Kunstschulen, beruflich-technische Schulen und Mittelschulen. Im Zuge
der Demokratisierung wurde 1990 ein Gesetz über die akademische Autonomie der
Universitäten verabschiedet, das auch die Gründung nichtstaatlicher Universitäten
erlaubt; erste Privatuniversitäten waren die Amerikanische Universität in
Blagoevgrad, die Neue Bulgarische Universität in Sofia und die Freie Universität
in Burgas.
Aufgrund
gezielter Förderung des Bildungswesens beträgt die Alphabetisierungsrate
inzwischen 98,5 Prozent (2000).
Kultureinrichtungen
Zu
den bedeutendsten Bibliotheken der Hauptstadt Sofia zählen die
Zentralbibliothek der bulgarischen Akademie der Wissenschaften, die Bibliothek
der Universität Sofia und die Nationalbibliothek. Plovdiv verfügt ebenfalls über
eine große Bibliothek.
In
Bulgarien gibt es mehr als 200 Museen. In Sofia befinden sich ein
botanisches und ein zoologisches Museum, das Archäologische Nationalmuseum mit
einer Sammlung alter Münzen und das Ethnographische Landesmuseum. Weitere
Museen widmen sich u. a. der Geschichte des Landes und der Wissenschaft.
Kunst und
Musik
Die
Fresken der Kirche von Bojana bei Sofia sind herausragende Beispiele der Malerei
des 13. Jahrhunderts. Zur bulgarischen Volkskunst
zählen reiche Stickereien und Verzierungen. Einige der bemerkenswertesten
Skulpturen, Holzschnitzereien, Radierungen und Malereien basieren auf
traditioneller Kultur und einheimischen Motiven. Zu den größten bulgarischen Künstlern
zählen der Kupferstecher Peter Morozov, der Maler Vladimir Dimitrov sowie der
Bildhauer Ivan Lazarov und der Verpackungskünstler Christo,
der ebenfalls bulgarischer Herkunft ist.
Zur
traditionellen bulgarischen Musik gehören Volkslieder
sowie gregorianische
Kirchenchoräle. Die wichtigsten einheimischen Musikinstrumente sind die Gaida,
eine Art Dudelsack,
und der Kaval, eine hölzerne Hirtenflöte. Die charakteristischen Volkstänze
sind Variationen der Hora, eines Kreistanzes, und der Ruchenitsa,
eines Tanzes für zwei Paare. Moderne bulgarische Orchester- und
Opernkompositionen haben weltweit Anerkennung gefunden. Zu den führenden
Komponisten gehören Petko Stainov und Pancho Vladigerov.
Sehenswürdigkeiten
Eines
der herausragendsten Bauwerke Bulgariens ist die Georgskirche in Sofia mit
Rotunde, ursprünglich ein römischer Profankomplex. Beeindruckend ist das in
den Bergen gelegene Rilakloster, das im 9. Jahrhundert gegründet wurde.
Das Bachkovo-Kloster, südlich von Plovdiv, gehört zu den bemerkenswerten Gebäuden
des 11. Jahrhunderts. Aus neuerer Zeit stammt die prunkvolle
Alexander-Newski-Kathedrale (1896-1912) in Sofia.
Verwaltung und Politik
Von
1946 bis 1990 war Bulgarien ein kommunistischer Einparteienstaat, der von der
Bulgarischen Kommunistischen Partei geführt wurde. Anfang 1990 wurde in
Bulgarien durch einen Verfassungszusatz das Mehrparteiensystem eingeführt, und
im Juli 1991 wurden die gesetzlichen Grundlagen für eine parlamentarische
Republik verabschiedet.
Exekutive,
Legislative und Judikative
Staatsoberhaupt
ist der Präsident, der durch direkte Wahl für einen Zeitraum von fünf Jahren
gewählt wird. Höchstes Organ der Exekutive ist das Kabinett, dem der
Ministerpräsident vorsitzt. Die Legislative liegt bei der aus 240 Mitgliedern
bestehenden Volksversammlung (Narodno sabranje), die für jeweils vier
Jahre gewählt wird. Die Verfassung von 1991 garantiert ein unabhängiges
Gerichtswesen und die Einrichtung eines Verfassungsgerichts. Der Sitz des
Obersten Gerichts ist Sofia. Weitere juristische Instanzen des Landes sind
Bezirks-, Land- und Militärgerichte.
Politik
In
den Jahren 1990 und 1991 endete die kommunistische Ära. Vor 1990 übte die
Kommunistische Partei durch ihre Massenorganisationen, die zur so genannten
Vaterländischen Front zusammengeschlossen waren, politische Macht aus. Die
Front wurde 1943 als Zusammenschluss der Kommunisten, Sozialisten und anderer
Splitterparteien gegründet. Die Agrar-Volksunion war bis 1990 der Vaterländischen
Front untergeordnet, danach erhielt sie wieder ihre alten politischen Rechte.
Im
Zuge der politischen Umgestaltung des Landes wurde ein Mehrparteiensystem eingeführt.
Mehr als 60 politische Gruppierungen nahmen an den Parlamentswahlen vom Oktober
1991 teil. Die wichtigsten politischen Parteien sind das Bündnis Vereinigte
Demokratische Kräfte (ODS; bestehend aus der Union Demokratischer Kräfte, SDS,
der Bauernpartei, BZNS, der Demokratischen Partei, DP, sowie zwölf kleineren
Gruppierungen), die Demokratische Linke (bestehend aus der Bulgarischen
Sozialistischen Partei, BSP, und Ekoglasnost, EG), die Vereinigung zur
nationalen Rettung (ONS), Eurolinke und Bulgarischer Business-Block (BBB).
Kommunalverwaltung
Bulgarien
ist in acht Regionen und das Hauptstadtgebiet unterteilt. Kreise, Städte und
Kommunen werden von Volksräten verwaltet, die für einen Zeitraum von
zweieinhalb Jahren gewählt werden. Der Rat ist für alle wirtschaftlichen,
kulturellen und sozialen Angelegenheiten in seinem Zuständigkeitsbereich
verantwortlich und überwacht die staatlichen Betriebe.
Wirtschaft
Bis
1947 war Bulgarien größtenteils ein Agrarstaat; die Industrie war in weiten
Bereichen nur wenig entwickelt. Unter kommunistischer Herrschaft wurden nach dem
2. Weltkrieg alle vorhandenen Industrieunternehmen verstaatlicht und
arbeiteten nach dem Prinzip des Fünfjahresplanes (nach dem Vorbild des
sowjetischen Systems) mit der finanziellen Unterstützung der UdSSR. Die
Schwerindustrie genoss bei der Regierung oberste Priorität. Nach 1992 begann
man mit der Privatisierung und der Durchführung weiterer wirtschaftlicher
Reformen. Vor allem im Dienstleistungssektor wurden zahlreiche Arbeitsplätze
geschaffen. Der Übergang von staatlich gelenkter Planwirtschaft zur
Marktwirtschaft gestaltete sich jedoch schwierig.
Das
Bruttoinlandsprodukt (BIP) beträgt 12 258 Millionen US-Dollar (1998;
Dienstleistungen 55,7 Prozent, Industrie 25,5 Prozent, Landwirtschaft
18,7 Prozent). Daraus errechnet sich ein BIP pro Kopf von 1 480 US-Dollar.
Die Staatsverschuldung liegt bei 10 000 Millionen US-Dollar, die
Inflationsrate bei 116,90 Prozent (1990-1998). 13 Prozent der Erwerbstätigen
sind in der Landwirtschaft beschäftigt, 48 Prozent in der Industrie und 38 Prozent
im Dienstleistungssektor (1990).
Land- und
Forstwirtschaft, Fischerei
Die
Kollektivierung der bulgarischen Landwirtschaft begann Anfang der fünfziger
Jahre. Ende der achtziger Jahre gehörte der überwiegende Teil des Agrarlandes
kollektiven und staatlichen Bauernhöfen. Private Landwirtschaft war nur in sehr
kleinem Rahmen möglich, sie produzierte jedoch ein Viertel des gesamten
landwirtschaftlichen Ertrags. Nach 1992 wurde das Agrarland wieder in privaten
Besitz zurückgegeben. Die wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte sind u. a.
Getreide, Zuckerrüben, Sonnenblumen, Baumwolle und Tabak. In klimatisch begünstigten
Regionen werden auch Obst und Gemüse angebaut. Wegen häufig länger
andauernder Trockenheit wird vor allem im Süden Bulgariens Bewässerungsfeldbau
betrieben. Die Kultivierung von Maulbeerbäumen bildet die Grundlage für die
Zucht von Seidenraupen. In den höheren Lagen spielt die Viehwirtschaft eine
wichtige Rolle.
Die
wichtigsten bulgarischen Nutzholzgebiete liegen in den Gebirgen. Vor allem im
Rilagebirge, im Balkan und in den Rhodopen spielt die Forstwirtschaft eine
wichtige Rolle. Rund 65 Prozent des Fischfanges sind Makrelen. In den Städten
Varna und Burgas am Schwarzen Meer ist die Fisch verarbeitende Industrie
angesiedelt.
Bergbau
Das
Land verfügt über die verschiedensten Bodenschätze, wie z. B. Braun- und
Steinkohle, hochwertige Metallerzvorkommen (u. a. Blei-, Kupfer-, Silber-
und Zinkerze) und in geringem Maß auch Erdöl. Bei der Rohstoffproduktion des
Landes ist der Kohleabbau der wichtigste Wirtschaftszweig. Mehr als die Hälfte
der gesamten Kohleproduktion wird von der Industrie verwertet. Die
Jahresproduktion deckt heute den Bedarf des Landes. 1951 wurden Ölvorkommen
entdeckt. Kupfer, Zink und Erdgas wird ebenfalls kommerziell verwertet.
Industrie
Maschinen-
und Fahrzeugbau, chemische Industrie sowie die Herstellung von Metallwaren,
Nahrungsmitteln und Tabakwaren zählen zu den neueren Produktionszweigen, die
sich seit Beginn der neunziger Jahre entwickelt haben. Die Textilindustrie ist
einer der ältesten Industriezweige; sie verwendet hauptsächlich einheimische
Rohstoffe zur Fertigung. Die Produktion von Baustoffen wie Zement, Ziegel und
Glas ist ebenso von wirtschaftlicher Bedeutung wie die Lederwaren- und
Kunststoffherstellung. Die metallurgische und Metall verarbeitende Industrie ist
größtenteils auf den Import von Rohstoffen angewiesen. Die im Land abgebauten
Erze der Nichteisenmetalle werden ebenfalls von der heimischen Industrie
verarbeitet. Das bekannteste Produkt Bulgariens ist jedoch Rosenöl, das bei der
Parfümherstellung Verwendung findet.
Währung
und Bankwesen
Die
bulgarische Landeswährung ist der Lew zu 100 Stótinki. Seit 1947 sind
alle Banken verstaatlicht. Die Staatsbank von Bulgarien ist gleichzeitig
Notenbank und für Staatspapiere sowie staatliche Betriebe zuständig.
Außenhandel
Der
größte Teil des Außenhandels wird mit den Republiken der ehemaligen UdSSR und
anderen osteuropäischen Staaten abgewickelt. Russland plant langfristig den Bau
einer neuen Ölpipeline von Zentralasien durch Bulgarien und Griechenland bis
zum Ägäischen Meer. Die bedeutendsten westeuropäischen Handelspartner sind
Italien, Griechenland und Deutschland.
Die
wichtigsten Exportgüter sind Maschinen, Nahrungs- und Genussmittel, Metalle und
Metallwaren, chemische Produkte, Lederwaren und Textilien. Importiert werden vor
allem Brennstoffe und mineralische Erzeugnisse, Maschinen, Transportgeräte,
Metalle und Metallwaren sowie chemische Produkte. Die Handelsbilanz ist negativ.
Verkehrswesen
Das
Transportwesen Bulgariens ist auf längeren Strecken stark auf das Schienennetz
ausgerichtet, das eine Länge von 4 292 Kilometern hat (1997). Das
Straßennetz ist 36 759 Kilometer lang (1998). Ein bedeutendes
Ereignis im Bereich der Entwicklung des Verkehrswesens war die Eröffnung der über
die Donau führenden Eisenbahn- und Straßenverkehrsbrücke Ruse-Giurgiu (1954).
Sie ist eine der wichtigsten Verbindungen zwischen Bulgarien und Rumänien.
Die
Donau ist für den Handel eine der wichtigsten Transportadern. Von den zwölf
Donauhäfen haben Ruse, Svistov, Lom und Vidin die größte Bedeutung. Ein
wesentlicher Teil des bulgarischen Personen- und Frachtverkehrs wird über die
Donau und das Schwarze Meer abgewickelt.
Die
nationale Fluggesellschaft Balkan Bulgarian Airlines fliegt die wichtigsten Städte
des Landes und zahlreiche internationale Ziele an. Internationale Flughäfen
befinden sich in Sofia, Plovdiv, Varna und Burgas.
Energie
52,34 Prozent
des Energiebedarfs des Landes werden in Wärmekraftwerken, die mit Steinkohle,
Braunkohle und Erdöl betrieben werden, produziert (1998). Darüber hinaus ist
auch die Nutzung der Wasserkraft von Bedeutung. Das erste Atomkraftwerk des
Landes wurde 1974 bei Kozloduj in Betrieb genommen.
Geschichte
Die
Thraker
waren das erste Volk, das auf dem Gebiet des heutigen Bulgarien nachweislich
siedelte. Sie standen unter dem Einfluss der Illyrer,
die sie teilweise verdrängten, und unter dem kulturellen Einfluss der Griechen.
Im 5. Jahrhundert v. Chr. wurden die Thraker dem Makedonischen
Reich angegliedert. Das Gebiet fiel im 2. Jahrhundert v. Chr. an
die Römer, die später die Provinzen Moesia und Thrakien hier einrichteten; 395
v. Chr., nach der Teilung des römischen Imperiums, fiel das Gebiet an
Byzanz. Gegen Ende des 5. Jahrhunderts bildete sich ein vorläufiges
bulgarisches Staatswesen, das bis an die Nordküste des Schwarzen Meeres
reichte. Nach einem Jahrhundert unter der Herrschaft der Awaren
drangen Ende des 6. Jahrhunderts slawische Stämme in das Gebiet des
heutigen Bulgarien ein. Sie wurden gegen Ende des 7. Jahrhunderts von den
turktatarischen Protobulgaren (einem Volk türkischen Ursprungs) unter der Führung
von Kahn Asparuch unterworfen.
Das Erste
Bulgarische Reich
Khan
Asparuch gründete 679 das Erste Bulgarische Reich, nachdem er die Dobrudscha,
damals Teil des Byzantinischen
Reiches, erobert hatte. Hauptstadt dieses slawobulgarischen Reiches wurde
Pliska. Byzanz erkannte das Reich 681 an und unterzeichnete mehrere Abkommen zur
Sicherung seiner Existenz. Der byzantinische Kaiser Justinian II. verlieh
Khan Terwel (701-718) den Caesarentitel. Unter Khan Krum (802-814) wurde das
Reich bis zur Theiß und zum Dnjestr vergrößert, eine Entwicklung, die durch
den Zerfall des Awarenreiches begünstigt wurde. Presjan (836-852) dehnte das
Gebiet nochmals aus, indem er den Süden von Albanien und das mittlere
Makedonien eingliederte. Khan Boris I. (814-852) festigte den Staat durch
die Annahme des Christentums. Ende des 9. Jahrhunderts, zur Regierungszeit
seines Sohnes Simeon I.,
wurde Bulgarien eine der mächtigsten Nationen Osteuropas. Simeon eroberte neue
Gebiete (u. a. weite Teile Griechenlands) und besiegte eine Koalition aus
Byzantinern, Petschenegen und Serben. Er ernannte sich 925 zum Kaiser der
Griechen und Bulgaren. 926 unterwarf er Serbien und wurde zum mächtigsten
Herrscher Osteuropas seiner Zeit. Simeons Herrschaft kennzeichnete viele große
kulturelle Fortschritte. In dieser Epoche wurden Altkirchenslawisch, die erste
slawische Schriftsprache, und das kyrillische
Alphabet eingeführt.
Durch
interne Streitigkeiten und Überfälle geschwächt, setzte unter der Regierung
des Zaren Peter (927-969) der Verfall der bulgarischen Macht ein, was zum
Verlust Serbiens und der Gebiete jenseits der Donau führte. 968 besetzten die
Russen die Hauptstadt und nahmen die Zarenfamilie gefangen. Der byzantinische
Kaiser Johannes I.
Tzimiskes mischte sich 971, durch das Eindringen Russlands nach Südosteuropa
alarmiert, in den russisch-bulgarischen Konflikt ein. Die Russen waren
gezwungen, sich 972 aus Bulgarien zurückzuziehen, und das Byzantinische Reich
annektierte den Ostteil des Landes. Samuel, der Sohn eines bulgarischen
Provinzgouverneurs, übernahm 976 die Herrschaft über Westbulgarien. Seine
Armeen wurden jedoch 1014 vom byzantinischen Kaiser Basileios II.
geschlagen, der den kurzlebigen Staat 1018 in sein Reich eingliederte.
Das Zweite
Bulgarische Reich und die Türkenherrschaft
Unter
der Führung der Adeligen Iwan und Peter Assen erhoben sich die Bulgaren 1185
gegen die Herrschaft von Byzanz und errichteten 1187 das Zweite Bulgarische
Reich. Es bestand anfänglich aus dem Gebiet zwischen dem Balkan und der Donau.
Bis zum 13. Jahrhundert umfasste es große Nachbargebiete, wie Teile
Serbiens und ganz Westmakedonien. Gemeinsam mit ihrem Bruder Kalojan erzielten
Peter und Iwan Assen 1204 eine Union mit der römischen Kurie. Diese erkannte
Kalojan als König an (Regierungszeit: 1197-1207) und übertrug dem bulgarischen
Patriarchen die Primaswürde. Iwan Assen II. (1218-1241), der fünfte
Herrscher der Assen-Dynastie, besetzte Thrakien und das verbleibende Makedonien
und verleibte die Gebiete 1230 seinem Reich ein. Dadurch wurde Bulgarien der größte
Staat Südosteuropas. Zu dieser Zeit wurde die Union mit dem Papsttum aufgelöst
und die Anerkennung der Unabhängigkeit der bulgarischen Kirche durchgesetzt.
Nachfolgekämpfe
und ein Tatareneinfall (1242) führten nach dem Tod Iwan Assens II. zu
einem allmählichen Zerfall des Reiches. Die Armee der Bulgaren erlitt 1330
gegen die Serben eine entscheidende Niederlage. Für die folgenden 25 Jahre
war Bulgarien kaum mehr als eine Kolonie Serbiens. Kurz nach 1360 begannen die Türken,
das Tal der Marica einzunehmen und Bulgarien zu unterwerfen (1396). In den
folgenden 500 Jahren wurde die politische und kulturelle Existenz
Bulgariens fast vollkommen ausgelöscht. Der Adel wurde seines Standes enthoben
und die gesamte Bevölkerung teilweise mit Gewalt islamisiert. Es kam jedoch
immer wieder zu Revolten gegen die Türkenherrschaft, doch nach deren Eroberung
Varnas (1444) und Konstantinopels gaben die Bulgaren die Hoffnung auf, die Türkenherrschaft
schnell zu beenden.
Der
bulgarische Nationalismus wurde wiederbelebt, als Ende des 18. und Anfang des
19. Jahrhunderts ein wirtschaftlicher Aufschwung einsetzte, der mit einem
starken Bevölkerungswachstum verbunden war. 1876 wurde der Aprilaufstand der
Bulgaren von den türkischen Machthabern blutig niedergeschlagen. 1877 setzte
jedoch der Russisch-Türkische
Krieg der Herrschaft der Türken eine Ende. Aufgrund der Beschlüsse des Berliner
Kongresses wurde Bulgarien geteilt: Ein Teil Bulgariens wurde autonomes Fürstentum,
der andere Teil (Ostrumelien)
türkische Provinz.
Bulgarien
an der Schwelle zum 20. Jahrhundert
1879
wählte die bulgarische Nationalversammlung Alexander von Battenberg, Neffe Zar Alexanders II.,
zum Fürsten des neuen Bulgarien. Er vereinte Ostrumelien 1885 mit dem Fürstentum,
nachdem sich die Bewohner gegen die türkische Herrschaft aufgelehnt hatten.
Russland war gegen diese Vereinigung und zog sofort alle Offiziere ab, die zur
Ausbildung der bulgarischen Armee abkommandiert worden waren. Daraufhin erklärte
Serbien Bulgarien den Krieg, wurde jedoch bald von den Bulgaren besiegt. 1886
wurde Alexander von russischen Verschwörern, die ihn nicht als Fürst des
vereinigten Bulgarien anerkennen wollten, zur Abdankung gezwungen. Der 1887 neu
gewählte Herrscher war Ferdinand I.
von Bulgarien. Gemeinsam mit seinem Ministerpräsidenten Stambolow förderte er
den Aufbau des Landes und betrieb die Europäisierung Bulgariens. Ferdinand
unterstützte die probulgarischen Befreiungsbewegungen im türkischen Makedonien
und in Südthrakien. 1908 machte er sich die jungtürkische
Revolution zunutze: Ferdinand erklärte die Unabhängigkeit Bulgariens und
ernannte sich selbst zum König (Zar).
Die
Balkankriege und der 1. Weltkrieg
Im
1. Balkankrieg
(1912-1913) besiegte Bulgarien als Verbündeter Serbiens, Montenegros und
Griechenlands die Türkei. Ein Streit über die Teilung der zurückeroberten
Balkangebiete löste unter den bisherigen Verbündeten den 2. Balkankrieg
aus, in dem Bulgarien gegen Serbien, Montenegro, Griechenland, die Türkei und
Rumänien eine Niederlage erlitt und erhebliche Gebietsverluste hinnehmen
musste. Bulgarien trat, nach vorheriger Neutralität, 1915 an der Seite der Mittelmächte
in den 1. Weltkrieg
ein. Auslöser war die Ablehnung der bulgarischen Gebietsansprüche auf
Mittelmakedonien. Im September 1918 wurde der Staat zu einem Waffenstillstand
gezwungen. Zar Ferdinand dankte im Oktober zugunsten seines Sohnes Boris III.
ab. Am 27. November 1919 verlor Bulgarien nach dem Abschluss des Friedensvertrags
von Neuilly einen Großteil der Gebiete, die es durch die Balkankriege
gewonnen hatte, sowie alle Eroberungen des 1. Weltkrieges. Bulgarien musste
außerdem den Wehrdienst abschaffen und hohe Reparationszahlungen leisten.
Die
Zwischenkriegszeit und der 2. Weltkrieg
Mit
der autoritären Regierung der Agrarpartei unter Alexander Stambolijski, der
1919 zum Ministerpräsidenten gewählt worden war, setzten eine Verbesserung der
Situation der Bauern und gutnachbarschaftliche Beziehungen mit den anderen
Balkanstaaten ein. Stambolijskis diktatorisches Regime, das bei der Armee und
der städtischen Mittelklasse recht unbeliebt war, wurde 1923 durch einen
Offiziersputsch gestürzt. Er selbst wurde gefangen genommen und bei einem
Fluchtversuch getötet. In der neuen Regierung unter Zankow kam es immer wieder
zu internen Streitigkeiten. Ein kommunistischer Aufstand wurde niedergeschlagen
und daraufhin die revolutionäre Kommunistische Partei und die Bauernpartei
verboten (1924).
Zar
Boris III.
schuf 1934 eine autokratische Herrschaft, die sich auf die Politik der
Ministerpräsidenten Kiosse-Iwanow und Filow stützte. Nach dem Ausbruch des 2. Weltkrieges
sonderte sich Bulgarien durch seine Annäherung an die Achsenmächte
gegenüber den restlichen Balkanstaaten ab. 1940 zwang Deutschland im Vertrag
von Craiova Rumänien dazu, den südlichen Teil der Dobrudscha an Bulgarien
abzutreten. Im März 1941 trat Bulgarien auf Druck von Deutschland den Achsenmächten
bei und erklärte Griechenland und Jugoslawien den Krieg. Im November
unterzeichnete Bulgarien den Dreimächtepakt
und erklärte im folgenden Monat den Vereinigten Staaten und Großbritannien den
Krieg. Obwohl Bulgarien mit Deutschland verbündet war (siehe Nationalsozialismus),
weigerten sich Zar Boris und seine Regierung, die Forderung der Deutschen nach
einer Verfolgung der bulgarischen Juden zu erfüllen; aufgrund dieser Weigerung
überlebten die meisten Juden den Holocaust.
1943
wurde die so genannte Vaterländische Front ins Leben gerufen, eine
Oppositionsbewegung, der sich auch die Kommunisten angeschlossen hatten. Nach
dem Tod von Zar Boris III. im Jahr 1943 trat ein Regentschaftsrat die
Nachfolge für den minderjährigen Sohn Simeon II. an. Am 5. September
1944 erklärte die UdSSR Bulgarien den Krieg, und drei Tage später marschierten
Truppen der Roten Armee in Bulgarien ein. Am 28. Oktober 1944
unterzeichnete die bulgarische Regierung unter Georgiew den Waffenstillstand und
erklärte Deutschland den Krieg. Unter Führung der Kommunistischen Partei wurde
Bulgarien in einen kommunistischen Staat umgewandelt.
Das
kommunistische Regime
Die
Volksbefragung vom September 1946 führte zur Absetzung von Zar Simeon und zur
Beendigung der Monarchie. Eine Woche später wurde Bulgarien zur Volksrepublik
erklärt. Der Verfassungsentwurf der Vaterländischen Front, die im Oktober bei
den Wahlen zum Nationalrat eine klare Mehrheit erreicht hatte, garantierte
Presse-, Versammlungs- und Redefreiheit. Der Nationalrat, der die vollständige
Kontrolle über die Staatsangelegenheiten übernahm, wählte anschließend den
Ministerpräsidenten und den Vorsitzenden des Nationalrates. Erster Vorsitzender
wurde Wassil Kolarow, und Georgi
Dimitrow wurde im November 1946 zum Ministerpräsidenten gewählt.
Im
Februar 1947 wurde in Paris ein Friedensvertrag unterzeichnet, der formell das
Ende des 2. Weltkrieges für Bulgarien besiegelte. Laut Vertrag sollte
Bulgarien massive Reparationszahlungen leisten. Die Höhe der Zahlungen wurde für
Griechenland auf 45 Millionen US-Dollar und für Jugoslawien auf 25 Millionen
US-Dollar angesetzt. Die Größe der Streitkräfte wurde stark eingeschränkt,
eine Entmilitarisierung der Grenze zu Griechenland und die Rückgabe des südlichen
Teiles der Dobrudscha wurden beschlossen (die Grenzen mit Griechenland wurden
auf den Stand von 1941 zurückgeführt). Im Dezember 1947 wurde die neue
Verfassung verabschiedet, die sich stark an der Verfassung der UdSSR
orientierte. Im September des gleichen Jahres war der Vorsitzende der
Agrarpartei, Nikola Dimitrow Petkow, unter dem Vorwurf, den Sturz der Regierung
zu planen, hingerichtet worden.
Auf
Druck der UdSSR löste Bulgarien 1948 nach dem sowjetisch-jugoslawischen
Konflikt seinen Freundschaftsvertrag mit Jugoslawien. Bulgarien gliederte sich
vollkommen dem von der UdSSR geführten Bündnissystem der osteuropäischen
Staaten ein, was 1947 mit dem Beitritt zum Kominform (Informationsbüro der
kommunistischen und Arbeiterparteien), dem Abschluss des Freundschafts- und
Beistandspaktes mit der UdSSR (1948), dem Beitritt zum Warschauer
Pakt (1955) und dem Beitritt zum Rat
für gegenseitige Wirtschaftshilfe (COMECON) unterstrichen wurde.
Unter
der Führung von Todor
Schiwkow (ab 1954 Generalsekretär der Kommunistischen Partei, von 1964 bis
1971 Ministerpräsident des Landes und ab 1971 bis Ende 1989 bulgarisches
Staatsoberhaupt) war Bulgarien fast ohne Unterbrechung eines der restriktivsten
Länder der ehemaligen Satellitenstaaten
der UdSSR. In den siebziger Jahren erhielt Bulgarien von der UdSSR für die
Industrialisierung des Landes maßgebliche finanzielle Hilfe.
Mitte
der achtziger Jahre startete die Regierung Schiwkows eine Kampagne zur
Assimilierung der türkischen Minderheit, indem sie u. a. gezwungen wurde,
slawische Namen anzunehmen und das Sprechen der türkischen Sprache verboten
wurde. 1989 flüchteten mehr als 300 000 bulgarische Türken in die Türkei,
um der minderheitenfeindlichen Politik zu entgehen. Oppositionelle Kräfte, die
sich an den Reformbewegungen der Sowjetunion orientierten, zwangen Schiwkow Ende
1989 zum Rücktritt. An seine Stelle trat der ehemalige Außenminister Petar
Mladenow als Generalsekretär und Staatsratsvorsitzender. Unter seiner Führung
wurden die Bürgerrechte der bulgarischen Türken wieder hergestellt und ein
Mehrparteiensystem eingeführt. Der verfassungsrechtlich festgelegte Führungsanspruch
der Kommunistischen Partei wurde im Januar 1990 vom Parlament annulliert und
eine Verfassungsänderung durchgeführt, die das Mehrparteiensystem zuließ. Im
Juni 1990 gewann die Sozialistische Partei Bulgariens (ehemals Kommunistische
Partei) die ersten freien Wahlen nach dem 2. Weltkrieg. Nachfolger
Mladenows wurde der Oppositionsführer Schelju Schelew, der seit 1. August
1990 das Amt des Staatspräsidenten bekleidet. Nach der neuen Verfassung, die
eine direkte Präsidentschaftswahl vorsah, gewann Schelew im Januar 1992 die
Wahlen.
Übergang
zur Demokratie
Am
3. Januar 1991 unterschrieben alle Parteien ein gemeinsames Abkommen, das
den friedlichen Übergang zur Demokratie festlegte. Bulgarien begann mit dem
Wiederaufbau seiner Wirtschaft und beschloss einen Plan zur Rückgabe des von
den Kommunisten beschlagnahmten Landes an die ehemaligen Besitzer. Das Parlament
verabschiedete auch ein Gesetz, das Investitionen aus dem Ausland ermöglichte.
Durch den Zusammenbruch des COMECON erlitt Bulgariens Wirtschaft einen schweren
Schlag, und das Land verlor viele seiner traditionellen Märkte. Seitdem hinkt
Bulgarien hinter den Wirtschaftsreformen der anderen osteuropäischen Staaten
hinterher. Private Unternehmen stehen oft unter der Leitung der alten
kommunistischen Elite. Am 12. Juli 1991 wurde im Parlament die erste
nichtkommunistische Verfassung verabschiedet. Bei den Wahlen im Dezember 1994
erreichte die Sozialistische Partei Bulgariens unter der Führung Schan Widenows
in einem Bündnis mit der Bauernpartei und der Umweltpartei im Parlament die
Mehrheit. Gleichzeitig verlor der Lew stark an Wert, wodurch der Zinssatz in die
Höhe schnellte.
Am
3. November 1996 konnte der bisherige Oppositionsführer Petar
Stojanow die Stichwahl um das Präsidentenamt für sich entscheiden. Als
eines seiner vorrangigen Ziele nannte er die Annäherung Bulgariens an die Europäische
Union (EU); ein Beitrittsgesuch zu EU hatte Bulgarien bereits 1995 gestellt.
Zur Lösung der Wirtschaftsprobleme zog Stojanow ein unabhängiges
Expertengremium heran. Die Wahl Stojanows wurde von vielen Beobachtern als
Protest gegenüber der Sozialistischen Partei gesehen, die seit 1994 erfolglos
versucht hatte, Bulgarien aus der Wirtschaftskrise zu führen. Bei den
Parlamentswahlen vom 19. April 1997 errang das Bündnis Vereinigte
Demokratische Kräfte (ODS) die absolute Mehrheit. Der ODS-Spitzenkandidat Iwan
Kostow wurde zum neuen Ministerpräsidenten gewählt.
Im
September 1997 sicherte die Weltbank Bulgarien einen Kredit in Höhe von 100 Millionen
US-Dollar zu. Der Kredit ist für strukturelle Reformen im Finanz- und
Industriesektor bestimmt. Des Weiteren rechnete die bulgarische Regierung fest
damit, bei einer zweiten Runde der Erweiterung der NATO
berücksichtigt zu werden, nachdem dem Land bei der ersten Runde der
NATO-Osterweiterung die unmittelbare Aufnahme nicht in Aussicht gestellt worden
war. Pessimistischer wurd von Seiten bulgarischer Politiker ein baldiger
Beitritt zur EU bewertet, da die ökonomischen Kennziffern des Landes noch nicht
ausreichten, um in die erste Gruppe der Erweiterungskandidaten zu gelangen. So
gab es immer noch Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung mit
bestimmten Gütern. Ein im August 1998 vom Internationalen Währungsfonds in Höhe
von 1,6 Milliarden US-Dollar gewährter Kredit soll für strukturelle
Reformen der Wirtschaft verwendet werden.
Im
Februar 1999 unterzeichneten die Regierungschefs Bulgariens und der Ehemaligen
Jugoslawischen Republik Makedonien ein Abkommen zur Beilegung des Jahrzehnte währenden
Sprachenstreits. Darin erkennt Bulgarien erstmalig die makedonische Sprache als
eigenständig an.
Im
Februar 2000 nahm die Europäische Union in einer zweiten Erweiterungsrunde auch
mit Bulgarien offizielle Beitrittsverhandlungen auf, nachdem die
wirtschaftlichen und politischen Reformen in den vorangegangenen Jahren in
Bulgarien deutliche Fortschritte hatten erkennen lassen. Um einer maßgeblichen
Forderung der Europäischen Union zur Aufnahme in die EU nachzukommen, sicherte
die bulgarische Regierung die baldige Stilllegung einiger veralteter
Kernkraftwerke zu.
Bulgarien," Microsoft® Encarta® Online-Enzyklopädie 2001
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